Fardella: eine verschwiegene Geschichte

von Antonio Appella

Fardella entwickelte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts, wie man einer ex silentio-Nachricht entnehmen kann, d.h. der Tatsache, dass es 1683 noch nicht erwähnt wurde, als ein gewisser Urso über die Burg der Missanello in Teana schrieb. Er gab die Grenzen des Gebietes von Teana wie folgt an: „grenzt Teana an die Besitztümer von Carbone und Chiaromonte, von denen es durch das Tal des Cannalia getrennt ist…“. Chiaromonte, das heute zur Gemeinde Fardella gehört, war damals im Besitz des Grafen von Chiaromonte, wie auch weitere Gebiete, zum Beispiel die Contrada Carrosa, die heute ebenfalls der Gemeinde Fardella unterliegt, und von der es schon 1406 hieß „Defensam unam, sitam in dicto territorio Clarimontis quae dicitur Carrosa confinatam cum territoriis Episcopiae, Tiganae, Carboni, Clarimontis“. Und anzumerken ist auch, dass im Wappen der Chiaromonte fünf Berge abgebildet sind, darunter der Carrosa. Der genannte Urso erwähnt, wie wir gesehen haben, mit keinem Wort eine Siedlung, von der er jedoch sicherlich in seinem Schreiben berichtet hätte, denn er zählt alle Grundbesitze und Kirchengebäude rund um Teana auf. Auch die offiziellen Landkarten der Zeit erwähnen keinen Ort namens Fardella.

Fardella mappa 1683Die Annahme Cappellis, die Ortsbezeichnung Fardella könne man vom lombardischen fara, also dem Begriff für größere Familiengruppen dieses Volkes und für die von ihnen in Besitz genommenen Gebiete ableiten, scheint wohl nicht zuzutreffen. Denn man findet eine solche Ortsbezeichnung in keinem der mittelalterlichen Dokumente zu den Besitztümern der Chiaromonte. Und auch die Hypothese, man könne unser Dorf mit der heute verschwundenen Burg Faracli identifizieren, die den Quellen nach zwischen Chiaromonte, Teana und Carbone lag, ist nicht akzeptabel.

Es ist also wohl anzunehmen, dass Fardella ein eher junger Ort und weniger als 300 Jahre alt ist, und doch gibt es in der Gegend Zeichen dafür, dass dort schon seit langer Zeit Menschen leben. So wurde die frühe Besiedlung des Landstrichs von einem Fund belegt, bei dem in den vergangenen Jahren in der Contrada Cozzocanino der Teil einer Nekropole aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. entdeckt wurde. Die Nekropole ähnelt aufgrund der Art der Bestattung und der Grabbeigaben der besser bekannten Begräbnisstätte der Enotrier im nahen Chiaromonte. Auch dort wurden die Toten nämlich auf dem Rücken liegend und mit Beigabe von rohen Keramikgefäßen begraben, wie es für die Welt der im Landesinneren lebenden Enotrier typisch war. Diese mit denen in Chiaromonte verbundenen Bestattungsorte waren in verstreuten Gruppen angeordnet, die wohl den Orten entsprechen, wo damals die Lebenden wohnten, nämlich in strategischer Position über die Hügel verstreut, um Kontrolle über die Täler der Flüsse Sinni und Serrapotamo zu haben.

Fardella mappa aree archeologiche

Ein weiteres in historisch-archäologischer Hinsicht interessantes Gebiet ist das mit dem Namen Castrovetere. Wie schon der im Namen enthaltende Begriff castrum (Burg) zeigt, war dies wohl ein strategischer, befestigter Ort, der als Wachposten über dem Zusammenfluss des Baches Cotura mit dem Sinni lag. In dieser Gegend wurden in der Vergangenheit immer wieder Münzen und Waffen gefunden. Auch eine Legende, die heute noch von den Ältesten erzählt wird, belegt die Hypothese. Sie sprechen davon, dass auf besagtem Hügel ein Dorf lag, das dann aufgegeben wurde, weil es „von Ameisen besetzt wurde“. Dahinter verbirgt sich vielleicht eine Naturkatastrophe, die die Bevölkerung dazu brachte, die Gegend zu verlassen. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass etwa 20 km weiter in nördlicher Richtung heute ein Ort steht, der Castronuovo („neue Burg“) Sant’Andrea heißt. Die Beziehung zwischen den beiden Ortsnamen Castrovetere und Castronuovo, also der „alten“ und der „neuen“ Burg, zeigt wohl, dass die Legende sicher nicht aus reiner Fantasie entsprungen ist und dass bisher nur noch archäologische Belege fehlen, die hoffentlich bald gefunden werden können, um diese Annahmen zu belegen

2-Castrovetere

Was die verschiedenen von Guillou beschriebenen Lebensräume betrifft, könnte man Castrovetere der Typologie zurechnen, die von einer hochgelegenen Position gekennzeichnet ist. Die Wasserläufe waren beständiger Bezugspunkt, doch die Siedlungen sicherte man lieber von strategisch gelegener Höhe herab. Dieses Zentrum könnte, wie viele andere, während des Gotenkriegs (535-553) Veränderungen durchgemacht haben, bis es zum kastron (einem befestigten Dorf) wurde. Der Ort hatte jedenfalls alle Eigenschaften, die jede neue Siedlung laut dem anonymen Autor von De Re Strategica haben musste: eine hochgelegene Position zur natürlichen Verteidigung und zum Schutz vor Belagerung, genug Wasser (der unten verlaufende Fluss Cotura), Baumaterial wie Holz, leichte Beschaffung von Nahrung für Mensch und Tier. Außerdem schützte die hohe Lage auch vor Krankheiten.

Guillou erinnert daran, dass „jede heute isoliert dastehende Kapelle das letzte Zeugnis eines verschwundenen Dorfes sein kann“, und so mag die Tatsache, dass hier dem hl. Onofrius gehuldigt wurde, ein Zeichen dafür sein, dass die Gegend schon lange bewohnt ist. Denn an dem Ort steht eine heute verfallene Kapelle, die dem Eremiten Sant’Onofrio geweiht war. Dieser aus dem Osten stammende Kult könnte mit den italo-griechischen Mönchen zu tun haben, die ab dem 9. Jahrhundert diese raue und einsame Gegend erreichten, um neue Einsiedeleien und Klostergemeinschaften zu gründen. Sowohl Ortsbezeichnungen der Gegend um Fardella als auch Dialektformen weisen nämlich Einflüsse und Ableitungen aus der griechisch-byzantinischen Kultur auf.

Außerdem lebte im 14. Jahrhundert in der Nähe eines Felsrückens entlang den Ufern des Flusses Sinni in dem Gebiet von Fardella, das heute Celle heißt (im Mittelalter bezeichnete das Wort cella ein von Mönchen landwirtschaftlich bebautes Grundstück), Giovanni di Tolosa, ein Mann, der heute noch genau wie der Beato Giovanni in der Tradition des Volkes weiterlebt. Er hatte sich dort in eine Einsiedelei zurückgezogen und trat später dem Zisterzienserorden der nahe gelegenen Abtei Santa Maria del Sagittario bei.

Einigen Historikern zufolge kann die Gründung von Fardella auf die Zeit zwischen 1690 und 1693 datiert werden. So soll es eine Gedenkschrift belegen, welche die Familie Lecce in Teana bewahrte und von der Vitale einen Ausschnitt wiedergab: „…ut non solum redegeritis Cives in durissimam servitutem quamplurimus interis angariis et perangariis: verum etiam eos coegerit paternos lares, derelingueri e, altrove migrare, suasque habitationes, in tamtam copiam transferre ut ex civibus a dicta Terra Theanae aufugientibus enatam et compositum fueris Oppidum contiguum nuncupatum Fardella, jurisdictioni ac utile dominio Illustris Principis Bisiniani subjectum” (…so dass die Bürger nicht nur in schwere Fronarbeit kamen, sondern auch Schikanen und Gewalttätigkeiten ausgesetzt waren. Da nahmen sie in der Tat ihre väterlichen Laren und verließen ihre Wohnhäuser, um wegzuziehen, und sie wanderten in solcher Menge ab, dass von den Bürgern der bereits genannten Besitztümer von Teana eine nahe gelegene Siedlung mit dem Namen Fardella gegründet und gebaut wurde, die der Rechtssprechung und der nützlichen Herrschaft des edlen Fürsten von Bisignano unterlag).

Diese Information, nach der Fardella also von aus Teana geflüchteten Bürgern gegründet wurde, wird von der mündlichen Überlieferung bestätigt. Nach dieser hat, etwas verwirrend, der Ort einmal seinen Namen von den Bündeln (fardelli), welche die Fliehenden mit sich nahmen, und ein anderes Mal von einer Frau aus Teana namens Fardella, die als frisch Vermählte dem Marchese das ius primae noctis verweigerte.

Dass die Bevölkerung von Teana tatsächlich unter dem Marchese Missanello litt, und dass dies vor der Diaspora von 1693 der Fall gewesen sein könnte, wird von einem Ereignis unterstrichen, das sich in Teana zu einem nicht näher angegebenen Datum ereignete und in einer Urkunde des Notars Flaminio Parise aus Chiaromonte erwähnt wird als „Auflehnung und Empörung jener Bürger, die ihren Ort verließen“. Die Situation der Bevölkerung hatte sich bereits 1682-1683 zugespitzt, als eine schreckliche Hungersnot in Teana die Familien dezimierte und Armut brachte, wie auch der Schreiber Urso festhält: „… aufgrund der schlechten Ernte des vergangenen Jahres leben sie in solcher Armut, dass sie kein Getreide mehr haben. Die meisten von ihnen essen Gras von den Wiesen und mehr als vierzig sind des Hungers gestorben. Die Situation ist dramatisch, denn die Bevölkerung besteht meist aus Tagelöhnern, die selten Grund besitzen. Sie sind alle arm und bearbeiten den Boden mit den Ochsen und pflegen die Weinberge und verrichten andere Arbeiten auf dem Land“.

Die aus Teana Geflohenen begaben sich also unter den Schutz des Grafen Carlo Maria Sanseverino, der ihnen erlaubte, auf seinem Besitz eine Siedlung zu bauen, bei Chiaromonte, westlich von Carrosa.

Doch die Errichtung von Fardella hat nicht nur Bedeutung als „Vorbote“, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Siedler aus Chiaromonte einen Anteil an ihrer Entstehung hatten, die gezwungen waren, jeden Tag zwischen ihren Wohnorten und ihren Arbeitsplätzen hin und her zu pendeln. Dies geht aus der von Domenico Leo am 20. August 1730 verfassten öffentlichen Urkunde pro Casalibus Sanseverini et Fardelle hervor, in welcher die Bürger vorbrachten, dass die Pächter und Tagelöhner, um zu überleben und ihre Familien durchzubringen, gezwungen waren, sich im ganzen weiten Gebiet von Chiaromonte zu verbreiten, weit weg von der Siedlung, um Grundstücke mit Gehöften und Gärten zu bearbeiten, denn die Entfernung von der Siedlung war für ihre Gesundheit abträglich, sowohl im Winter wegen des Schnees, der Flüsse und Schluchten, als auch im Sommer, wegen „der Müdigkeit nach den Anstrengungen des Tages“. Von Notwendigkeit getrieben, wollten die Pächter Scheunen und einige Häuser errichten, um am Arbeitsplatz bleiben zu können. Die Gründung von Fardella war somit ein Bestandteil der landwirtschaftlichen Siedlungspolitik, welche das Geschlecht der Sanseverino verfolgte. Und so ist es kein Wunder, dass die ersten Quellen auch von einem casale schreiben, also einer ruralen Siedlung zu landwirtschaftlichen Zwecken.

Als Namen für die neue Siedlung wählte man Fardella, aus Dankbarkeit dem Grafen gegenüber. Denn seine Frau hieß Anna Cecilia Catherina Serafina Maria Fardella und war eine Adlige aus Trapani, die der Sanseverino am 7. Februar 1665 in Neapel geheiratet hatte.

Anna Cecilia Catherina Serafina Maria Fardella

Das älteste belegte Dokument zur neuen Siedlung ist eine Urkunde von 1704, in der Giovan Francesco Sanseverino, Sohn des verstorbenen Don Carlo, über die Beziehungen zu den Bürgern des Casale schreibt. Am 30. April 1704 wird „ante ecclesiam sub titulo S.ti Antonij de Padua“ (also vor der Kirche des hl. Antonius) im Casale von Fardella den 31 Bürgern ein Vorhaben des Fürsten von Bisignano verlesen, in dem die braven Vasallen dazu aufgerufen werden, „alle Beleidigungen, Belastungen, Nötigungen, widerrechtliche Aneignungen oder andere Taten zu erlassen und zu vergeben, die der verstorbene Fürst, Vater des Unterzeichnenden, oder seine Minister ihnen aus Nachlässigkeit, auf Anraten von nicht gottesfürchtigen Personen oder aufgrund von falschen Beeinflussungen angetan haben mögen“. Dies geschah auf Wunsch des verstorbenen Fürsten, der, bevor er seine Seele Gott befahl, seinen Sohn ausdrücklich damit beauftragt hatte, seine Vasallen auf jede nur mögliche Weise zufrieden zu stellen. Daher erklärte sich der junge Fürst bereit, jeden „in seiner Ehre, seinen Dingen oder anderem“ zufrieden zu stellen und zu reintegrieren, der sich auf irgendeine Weise ungerecht behandelt fühlte, sofern er bereit war, der Seele seines Vaters alles zu vergeben und zu erlassen. Die Bürger von Fardella antworteten „mit einer Stimme und ohne Widerspruch“, der Fürst Don Carlo Sanseverino habe sie nie belastet. Vielmehr hätten sie von ihm Gnade und Vorteil erhalten und er habe immer Mittel und Wege gefunden, seinen neuen Vasallen Gutes zu tun. Dies ist eine schöne Bekundung von Loyalität und ein Zeichen für die guten Beziehungen, über die man sich als Bürger zu jener Zeit, in der allgemein eher schwere Unterdrückung an der Tagesordnung war, sicher glücklich schätzen konnte.

Auf die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts dürfte sich auch ein Gerichtsverfahren gegen acht Personen aus dem Casale Fardella und drei aus Chiaromonte beziehen, die angeklagt waren, im Lehen Sant’Onofrio (auch Finocchio) des Klosters von Santa Maria del Sagittario Obstbäume beschnitten zu haben. Das Kloster, das gemeinsam mit der Kartause von San Nicola einen Großteil des Grundes um Fardella besaß, übertrat jedoch seinerseits die Grenzen und war unrechtmäßig auf dem Landbesitz der gräflichen Schatzkammer von Chiaromonte aktiv. Solche Kontraste wurden, da die Parteien klug genug waren, nicht auf die Ergebnisse eines Gerichtsverfahrens zu vertrauen, oft mit Hilfe von unparteiischen Experten im Guten gelöst.

Die Geschichte von Fardella ab dem 18. Jahrhundert ist nach den wenigen Dokumenten, die zur Verfügung stehen, eine Geschichte von bedeutenden Männern auf der einen und Bauern auf der anderen Seite. Erstere gehörten dem lokalen Adel an, der aus reichen Grundbesitzerfamilien bestand, seit mehr als einer Generation mit einem Familienmitglied, das ein abgeschlossenes Studium der Jurisprudenz oder der Theologie hatte. Neben diesen „adeligen“ Familien, zu denen die Doktoren in utroque iure (also in Kirchen- und Zivilrecht) und die Kanoniker gehörten, gab es die Familien der Ehrenmänner, d.h. der Doktoren in Medizin, der Notare, der Priester ohne Doktorat in Theologie und der Grundbesitzer, die ihre Besitztümer nicht direkt führten. Es folgten die „bürgerlichen“ Familien, also die der Handwerksmeister, der Ladenbesitzer und der Händler. Ebenfalls distinguiert waren auch noch die Familien der mittleren und kleinen Grundbesitzer, der reichen Gutsverwalter, der Handwerker ohne eigene Werkstatt und der Freiherren. Zuletzt kamen all jene, die das Land bearbeiteten: Landwirte, Bauern, Feldarbeiter und Tagelöhner. Diese Unterscheidung findet man in den Personenregistern der Kommunalverwaltungen und der Kirchengemeinden ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Denn vor dem Beamten des Einwohnermeldeamtes oder am Taufbecken erhielt der einfache Mann nur einen Namen, der Bürger zwei oder drei und der Ehrenmann oder Adelige noch mehr.

Im Jahrhundert der Aufklärung muss das wirtschaftliche Leben unseres kleinen Ortes recht lebhaft gewesen sein, wie aus der Statistik des Königreichs von Neapel hervorgeht, einer der wichtigsten Quellen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Süditaliens. Die Statistik wurde 1811 von Gioacchino Murat angeordnet, aber erst nach der zweiten bourbonischen Restauration abgeschlossen. Sie belegt, dass Fardella damals unter den Orten war, die Fichtenholz an die Holzwerke lieferten, denn es heißt dort: „darunter war einst auch Fardella, doch von dort bringen sie heute keine Fichten mehr nach Taranto wie damals, als sie wasserbetriebene Sägewerke hatten und das Holz auf dem Sinno hinunter schwemmten“.

Bedeutung kam auch der Leinenweberei zu, und in der genannten Statistik wird daran erinnert, dass Fardella einer der wenigen Orte in der Basilikata war, „in dem man den Mechanismus des fliegenden Weberschiffchens, auch Schütze genannt, kennt und anwendet“. Man erreichte damit wohl hohe Qualität, denn „man verkauft das berühmte feine Tuch von Fardella auf den Märkten und in den nahegelegenen Gemeinden“.

Eine besondere Rolle in der Ökonomie Fardellas hatte die Seidenproduktion, auch wenn sie nur in einigen wenigen Orten praktiziert wurde. In der Statistik liest man dazu: „In Fardella wird die Seide mit einer Mangel von vier Spannen Durchmesser auf die Haspel gezogen. Meist ist das Garn von mäßiger Qualität und wird für 14 oder 15 Carlini pro Pfund verkauft. In der Produktion sind zur Zeit, in der sich die Seidenraupen verpuppen, bis zu 600 Frauen beschäftigt“. So erklärt sich auch, warum es in der Gegend so viele Maulbeerbäume gibt (sie dienen als Futter für die Seidenraupen), und warum in so vielen Familien über Generationen hinweg die Ehemänner scardalani (Wollkämmer) und die Frauen filatrici (Spinnerinnen) waren.

1929 Foto di gruppo

Diese und weitere landwirtschaftliche Produkte machten Fardella zu einem Ort, der Zuwanderer anzog. Aus den Registern geht hervor, dass ganze Familien aus der Umgebung beschlossen, sich hier in der Hoffnung auf eine Entwicklungschance niederzulassen. Die Landwirtschaft, zu der Fardella seit seinem Entstehen eine Berufung hatte, entwickelte sich immer besser und es gab in der ganzen Gegend immer mehr Gutshöfe mit dazugehörigen Bauernhäusern. Der bedeutendste Gutshof war wohl der in der Contrada Sant’Onofrio, im Besitz der Familie Giura aus Chiaromonte und später der Costanza.

Atto di nascita di un espostoEin gesellschaftliches Phänomen, das sich im Ort vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigte, war das der ausgesetzten Kinder. Zumeist wurden sie an den Türschwellen einfacher Familien abgelegt. Man brachte die Aussetzung zur Anzeige und stellte das Geschlecht des Kindes fest, worauf eine Wohltätigkeitskommission Informationen sammelte und eine Amme für das Neugeborene suchte, bei der dieses blieb, bis es der Brust entwöhnt wurde. Die Kommission selbst gab den Kindern einen Vor- und Nachnamen, der oft spirituellen Charakter hatte oder Glück bringen sollte, wie bei Serafina Colomba Esposta, Maria Giuseppe Sionne, Luigi Fortunato, Rosa Santamaria; andere Male stand der Ort Pate, an dem die Kinder ausgesetzt worden waren: Maria Rosa Santonofrio (gefunden in Sant’Onofrio), Maria Racia (ausgesetzt in der Contrada Racia); bisweilen waren sie ausdrücklich politisch (wir befinden uns in den Jahren der Einigung Italiens) wie bei Vittoria Emmanuela Savoja, Giuseppe Garibaldi, Camillo Cavur, Clorinda Saffi, Eduarda Settembrini, Maria Rosa Amedeo, Pasquale Imperatrice, Maria Stella Orientale.

Die Geschichte von Fardella ist auch eine Geschichte gelebter Frömmigkeit und religiöser Tradition, was mehr für die Vergangenheit gilt als für heute. Man feierte und feiert die Feste der beiden Schutzpatrone des Ortes, das des hl. Antonius von Padua am 13. Juni und das der hl. Muttergottes vom Rosenkranz am ersten Sonntag im Oktober. Letzteres Fest begann schon am Samstag mit einem großen Markt mit Viehmarkt („in zwei Tagen drängten sich mehr als zehntausend Menschen“), der heute nur noch ein einfacher Wochenmarkt ist. Der Madonna del Rosario wurde im letzten Jahrhundert auch eine Kapelle außerhalb des Ortes errichtet, die erst jetzt wieder aufgebaut wurde. Auch andere Heilige werden verehrt, denen man in der Mutterkirche Altäre widmete. Doch es gibt noch weitere Kapellen: die Privatkapelle der Familie De Salvo, die der Santissima Vergine Assunta, also Mariä Himmelfahrt, geweiht ist, deren Hochfest, den 15. August, man heute noch mit einer feierlichen Prozession feiert; die Kapelle der Familie Costanza (später Cirone), oder die außerhalb des Ortes gelegene Kapelle San Vito, an dessen Verehrung heute nur noch der Ortsname erinnert; und zuletzt die Kapelle von Sant’Onofrio, dessen Bild man der Legende nach in einem Baumstamm fand. Die alte Frömmigkeit wird heute noch von einer Reihe von Wegkreuzen aus Holz oder Eisen bezeugt, die praktisch einen „Schutzgürtel“ rund um den Ort bilden, bis hinauf zum Calvario, dem „Kalvarienberg“, an dem die Männer jeden Karsamstag bei Sonnenaufgang die Messe sangen.

Processione Fardella

Die großen politischen Ereignisse, die das Leben in Italien bestimmten, spiegelten sich auch in Fardella wieder.

So betrieben 1799 einige Einwohner die Gründung einer Republikanischen Gemeindevertretung, die dann jedoch im Zuge der Wiedereinsetzung der Bourbonen abgeschafft wurde. Zu den Befürwortern gehörten der Arzt Don Biase Gaetano Corradino, der Notar Don Onofrio Mazziotta, der „Drogist“ Don Andrea Breglia. Sie ließen den Baum pflanzen und „nötigten das Volk, die Hand zum Eid zu heben und der republikanischen Regierung Treue zu schwören. Dabei brachten sie ungehörige Worte gegen die Heilige Person des Königs vor und zwangen die Leute, Lieder zu singen“. Sie alle wurden zur Zwangsverbringung weit entfernt vom Dorf verurteilt.

1810 dagegen wurde Fardella nach der Abschaffung der feudalen Privilegien und der Aufhebung der vom Fürsten von Bisignano gehaltenen Rechte zur Gemeinde und erhielt, zusammen mit Chiaromonte, Rechte auf einige Gebiete wie Pietrapica.

Die politischen Kämpfe gingen mit den antifranzösischen Aufständen von 1806 weiter und fanden in der schrecklichen Repression ihren Abschluss, im Zuge welcher zahlreiche Bewohner Fardellas wie Giuseppe Barbetta und Domenico Ciminelli im Dorf durch Erschießen hingerichtet wurden. Im Jahr 1848 erwachten die Ideale Freiheit und Gleichheit mit den antibourbonischen Aufständen von Neuem, bei denen sich verschiedene Bürger (Antonio Caldararo, Biagio und Vincenzo Cirone, Francesco Cosenza) am politischen Kampf beteiligten und dafür mit dem Kerker bestraft wurden.

Während dieser Konflikte trat vor allem Giovanni Costanza in den Mittelpunkt, der im August 1860 die Aufständischen von Fardella führte. Sie schlossen sich der 6. Kolonne der lukanischen Aufständischen an, die von Aquilante Persiani aus Senise angeführt wurden. Später traten sie der Brigata Basilicata im Gefolge von Garibaldi auf dem Volturno bei.

Die Einigung Italiens löste die Probleme der Region nicht, denn die langjährige Streitfrage um die Verteilung der Grundstücke an die Bauern wurde nicht behoben. So entstand aufgrund der enttäuschten Erwartungen eine wahre Oppositionsbewegung. Die Landbevölkerung distanzierte sich vom Staat und begann mit einer Bauernguerrilla (die Verfügungen zum Staatsbesitz von 1862-63 provozierten auch in Fardella Bauernaufstände) und mit Brigantentum. Viele Banden terrorisierten die Gegend, darunter die des Briganten Alessandro Marino di Castronuovo und die von Scaliero di Latronico. Am 12. Dezember 1861 entwaffnete diese Bande den Waldhüter von Fardella, Paolo Cirone, im Wald von Magnano, also auf Grund und Boden von Fardella.

Eine Anklage wegen Umgang mit Übeltätern, die Fälle von Brigantentum anstifteten, betraf 1861 auch Giuseppe Mazziotta, der angeklagt wurde, auf Seiten der Bourbonen zu stehen und das neue Reich zu bekämpfen.

Im 19. Jahrhundert begann sich das Dorf zu vergrößern und die Bevölkerung nahm zu, so dass man 1845 in Fardella 1.428 Einwohner zählte. 1881 waren es 1.304, 1901 dann 1.060 und 1911 nur noch 1.020. Die Abnahme war vor allem der Emigration nach Amerika geschuldet, die immer wieder ganze Familien abwandern ließ. Heute zählt man noch 728 Einwohner, und der Emigrationsfluss geht nun eher in Richtung Norditalien und Europa.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in den Häusern kein Trinkwasser und kein elektrisches Licht. Ein Ambulatorium zur Bekämpfung der Malaria wurde 1911 eingerichtet. Die allgemeinen hygienischen Verhältnisse waren jedoch sicherlich nicht ideal, wie der Amtsarzt Antonio Vitale in einer Rede betonte, die er 1912 in Neapel hielt. Er sprach von der Gegend um Lagonegro und erzählte von einem „kranken Mann in einem elenden Loch in der Gemeinde Fardella“, das er „aus Respekt vor der Menschenwürde“ nicht näher beschreiben wollte. Ein 1882 gegründeter, der Arbeiterwohlfahrt ähnlicher Wohltätigkeitsverein mit dem Namen Società Operaia Il Risveglio unterstützte die Bevölkerung und die Landwirtschaft, auch über die Verteilung von Schwefel, Kupfer und anderem, das zum Wein- und Ackerbau benötigt wurde.

Auch ein echtes Schulgebäude fehlte, obwohl ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Schule erwähnt wird. Sie ging bis zur dritten Klasse und befand sich in der Via del Salvatore. Im Schuljahr 1899-1900 teilte der Lehrer Francesco De Salvo mit, dass es 50 schulpflichtige, aber nur etwa 29 angemeldete Kinder gab. Diese Daten verwundern einen nicht, wenn man weiß, dass die Kinder schon von klein auf der Familie bei den Arbeiten auf den Feldern helfen mussten.

1923 Maestra Teresa De Donato

Dank einer wichtigen Straßenverbindung entwickelte sich unser kleines Dorf dann endgültig weiter. Die Strada Nazionale Sapri-Ionio, die bereits seit dem 15. Oktober 1852 von den Bourbonen beschlossen und geplant wurde, so schreibt Lacava, „beginnt in Sapri, verläuft durch die untere Siedlung von Rivello, und weiter durch Latronico, Episcopia, Fardella, Chiaromonte, Senise, unter Valsinni vorbei…“. Sie wurde zum großen Teil vom Brücken- und Straßeninspektor Bausan entworfen, mit einem Dekret vom 17. November 1865 als Nationalstrasse bestätigt, und das erste Auto befuhr sie am 5. September 1907.

Le contradeDiese Straße brachte eine Entwicklung des Ortes in Richtung der Collina mit sich. Die Straßen in den Dörfern hatten im 19. Jahrhundert keine Namen oder Hausnummern, und der Ort war in Contrade (Ortsteile) aufgeteilt: Contrada Sotto la Chiesa (unter der Kirche), Contrada della Piazza (um den Platz), Contrada delle Stalle (der Ställe), Contrada della Fontana (des Brunnens), Contrada Mesola, Contrada Calvario, Contrada Piano.

Während der beiden Weltkriege (1915-1918 und 1939-1945) wurden zahlreiche Bewohner Fardellas eingezogen, und viele ließen ihr Leben auf den Schlachtfeldern. Ihre Namen kann man immer noch auf der Gedenktafel lesen, die am Kirchturm angebracht ist.

Bersaglieri

Erst in der Nachkriegszeit erhielt der Ort seine Autonomie wieder, im Jahr 1947, nachdem er im Faschismus im Jahr 1928 aus Spargründen zusammen mit Teana der Gemeinde Chiaromonte einverleibt worden war. Dies waren harte Zeiten, denn auch wenn der Ort den Krieg nicht direkt erlebt hatte, wurden die ohnehin schon schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse noch komplizierter. Diese Situation spiegelt sich in einigen im Dialekt vorgebrachten Aussprüchen gegen Mussolini, an die sich die Alten noch erinnern, wie z. B. „Duce, duce, come ci hai ridotto, il giorno senza pane e la notte senza luce! (Duce, wohin hast du uns gebracht, tagsüber ohne Brot und nachts ohne Licht!)“. Doch in der Bevölkerung gab es auch viele Anhänger des Faschismus, so dass eine Lehrerin 1933 in ihren Nachrichten und Beobachtungen schreiben konnte: „Ich habe meinen Schülern von dem Marsch auf Rom erzählt, der ganz Italien jenen Wohlstand brachte, den unser geliebter Führer erreicht hat. Er brachte den Schmied wieder zurück in seine Werkstatt und den Bauern auf sein Land, und lehrte uns alle, das heimische Herdfeuer zu lieben“. Und so gab es auch in Fardella die faschistischen Kampfbünde der Schwarzhemden und die Jugendbewegung Balilla.

Die Geschichte der Nachkriegszeit ist auch für Fardella eine Geschichte des Wiederaufbaus und der Emigration, eine Geschichte schrecklicher Ereignisse wie des Erdbebens von 1980, das das ursprüngliche Aussehen des Ortes zutiefst verändert hat. Die Geschichte ist noch lebendig in den Augen dieses Volkes, das über drei Jahrhunderte Generation für Generation die Liebe zu diesen herrlichen Orten und den Stolz auf dieses Dorf behielt, das 1912 einige Emigranten so beschrieben: „geliebte Heimat, die einer der schönsten Orte des Gegend von Lagonegro ist“.